Integrative Friedensförderung

Integrative Friedensförderung

Denis Marcel Bitterli, Mediator SDM/EBEM

Wer sich nicht damit zufrieden gibt, die einzelnen Konflikte zu mediieren und zerstrittene Parteien einander näher zu bringen, sondern auch dem Bestreben folgt, nachhaltig mediativ zu handeln, kommt nicht darum herum, vertieft an den Ursachen von Konflikten zu arbeiten. Das Arbeitsfeld vergrössert sich und ein umfassendes Vorgehen ist unausweichlich. Ein integrativer Ansatz der Friedensförderung drängt sich auf.

Was ist Frieden?

Oft wird Frieden nur auf keinen Krieg oder keinen Streit reduziert. Frieden ist aber viel mehr. Er bedarf einer Lebenshaltung, die auf Mitgefühl und auf der Bereitschaft zum einvernehmlichen Gespräch aufbaut und die das Denken, Fühlen und Handeln im Einzelnen wie auch im gesellschaftlichen Kontext ganz durchdringen soll. Der Wille, allparteilich auf sich selber und die Mitmenschen einzugehen und das Wissen, dass Probleme und die Herausforderungen unserer Welt nur gemeinsam gelöst werden können, sind die beiden Voraussetzungen dafür. Soziales und Persönliches sind eng miteinander verbunden. Individuelles beeinflusst das Umfeld und Kollektives bestimmt unseren Alltag mit.

Die Integrative Friedensförderung versteht Frieden umfassend.

«Frieden ist das bezogene Miteinander, in dem Menschen, Völker und Rassen stets bemüht sind, in Konsens miteinander zusammen zu leben.»

Es gibt den politischen, den sozialen und den persönlichen Frieden:

  • Der politische Frieden bezeichnet den kriegsfreien Zustand zwischen zwei Staaten oder Interessengruppen.
  • Das Verhältnis ist nicht durch aktive, militärische Auseinandersetzung belastet.
  • Der soziale Frieden herrscht, wenn innerhalb und unter den Staaten die Verhältnisse geordnet und geregelt sind. Existieren soziale Ungerechtigkeiten, können diese die Beziehung zwischen Menschen, Völkern, Rassen und Staaten gefährden und zum Nährboden für heftige soziale oder kriegerische Konflikte werden. Gesetze können den sozialen Frieden erleichtern, garantieren ihn aber noch nicht.
  • Je mehr Bürgerinnen und Bürger soziale und persönliche Kompetenz entwickelt haben, umso mehr stellt sich der soziale Frieden ein. Persönlicher Frieden ist die Grundlage für den Frieden in der Welt.» (vgl. Bitterli 2010, 7)

Entwicklungsorientiertes Menschenbild

Der erweiterte Friedensbegriff baut auf einem entwicklungsorientierten Menschenbild auf, das den individuellen Fortschritt in Zusammenhang mit den kollektiven Aufgaben setzt.

Alle verspüren den Wunsch in sich, weiter zu kommen oder zufriedener zu werden. Das bringen Ziele, Sehnsüchte, Fragen und Lebensträume unter anderem schön zum Ausdruck. Es gibt keinen Menschen, der bedürfnislos dahinlebt. Alle haben sich auf irgendeine Weise auf etwas ausgerichtet und streben nach mehr. Wo Fortschritt gesucht wird, ist jeweils unterschiedlich. Während die einen beruflich mehr erreichen wollen, suchen die anderen im Zwischenmenschlichen mehr Bereicherung. Ein Leben ohne Entwicklung ist undenkbar.

Wo Entwicklung ist, da gibt es auch Widerstände. Neues wird nicht mühelos errungen. Ängste, Unlust und andere Formen des Widerstandes begleiten den Weg. Hemmungen müssen überwunden und Gefahren beseitigt werden. Besonders herausfordernd sind Entwicklungsschritte, die durch ungewollte Umstände in Gang gebracht werden. Ein Verlust von einem Menschen, die Umgestaltung des Berufsumfeldes oder eine Krankheit erzwingen eine Umorientierung. Das Spannungsfeld zwischen vorwärts schreiten und stehen bleiben gehört zum Leben.

Für den Fortschritt haben die Bedürfnisse eine grosse Bedeutung. Sie zeigen, wo sich jede und jeder Einzelne bewusst und unbewusst weiterentwickeln wird. Dabei ist es notwendig, zwischen äusseren und inneren Bedürfnissen zu unterscheiden. Mit äusseren Bedürfnissen sind die physischen Grundbedürfnisse wie Durst oder Hunger gemeint. Innere Bedürfnisse sind geistig seelischer Natur und für das innere Wachstum wichtig. Bedürfnisse werden häufig maskiert geäussert. Sie können in Form von Vorschlägen, Zustimmung, Interessen aber auch als Kritik, Widerstand oder Unlust formuliert werden. Es ist wichtig, sie maskenlos zu erkennen und sie intrapersonal zu lesen. Möchte jemand beispielsweise das Zusammenleben mit unzähligen Abmachungen, Regeln und Vereinbar- ungen unnötig durchstrukturieren, so könnte dies mit dem Wunsch nach mehr Sicherheit oder mit dem Versuch, Konflikte mit den Mitmenschen einzudämmen, in Verbindung stehen. Veränderung ist nur möglich, wenn die Grundanliegen beachtet werden.

Entwicklung verläuft immer über Erlebnisse und in der Beziehung zur Umwelt. Die Realität lässt Grenzen und Möglichkeiten spüren. An ihr formen wir die Bedürfnisse aus und an ihr kommen wir weiter. Mitmenschen sind als Mitreisende und Lebensbedingungen als Landschaft auf dem Entwicklungsweg unerlässlich. Wir werden so in ein grösseres Ganzes eingeschlossen. Wir sind auf das Gegenüber angewiesen. Unser Entwicklungsstreben entlädt sich am Umfeld und wirkt zugleich auf dieses unmittelbar zurück.

Dieses gegenseitige Bedingtsein bindet uns in homöostatische Prozesse des Systemes ein. Wir sind nicht nur bemüht, in uns ein Gleichgewicht zu erhalten oder herzustellen, sondern streben gleichzeitig auch in der Umwelt danach. Eine Gruppe hat dann Reife erlangt, wenn den Bedürfnissen aller Zugehörigen gleichviel Raum zugesprochen wird. Wird zu sehr auf eigene oder zu viel auf fremde Bedürfnisse geachtet, entsteht ein Ungleichgewicht, das sofort wieder ausgeglichen werden möchte. Die Kunst des Friedens besteht darin, ein Konsens-Bewusstsein zu entwickeln, das die Ich- und Du-Betonung überwunden hat.

Friedensarbeit ist ein kreativer Prozess, bei dem unaufhaltsam nach der idealen sozialen Plastik der Gesellschaft gestrebt wird.

Bedürfnisorientierter Arbeitsstil

Bei der Integrativen Friedensförderung gehen die mediativ Handelnden individuell auf die Betroffenen und situativ auf die Umstände ein. Das erfordert von ihnen ein breites Wissen, ein grosses Methodenrepetoire und viel Kreativität. Auf diese Weise ist es ihnen möglich, nachhaltig und friedensförderlich zu wirken.

Ein systemisch-lösungsorientierter Ansatz wird beim bedürfnisorientierten Vorgehen angewendet. Dagmar Figura beschreibt ihn in ihrem Glossar «Auch eine lange Reise beginnt immer mit dem ersten Schritt» treffend:

«Sich mit einem System zu beschäftigen bedeutet, sich mit der Umgebung, den Mustern und deren Regeln vertraut zu machen. Somit ist es möglich, unterschiedlichste Positionen in der eigenen Wahrnehmungsperspektive zu erreichen, um sich komplexer einem Thema annähern zu können.»

Die Sprache hat eine besondere Bedeutung in der lösungsorientierten Arbeit. Sie ist sowohl zentrales Medium wie zentraler Gegenstand. Der Beobachter oder die Beobachterin ist immer ein Lebewesen in Sprache: So werden Sprachmuster intensiv untersucht und angewandt. Es gilt zu betrachten, wie wir die Welt in unserer Sprache ordnen und wie die Sprache unsere Welt ordnet. Sprachlich die Türen öffnen erweitert die intuitive Welt. Sprache konstruiert soziale Realität, Kommunikation wird zum sozialen System.

Die Lösungsorientierung setzt ein Denken unabhängig vom Kontext voraus. Sie beschäftigt sich massgeblich mit Kompetenzen, Stärken, Zielen, Ressourcen, positiver Konnotation und Grundhaltung. Weniger das Ereignis als vielmehr dessen Bedeutung ist von Wichtigkeit.

Diesem Vorgehen liegt in der systemischen Arbeit eine Vielzahl gezielter Fragestellungen zu Grunde, die sich an der Sichtweise des Gegenübers orientieren. So entsteht eine individuelle Wirklichkeit, an der sich das Gespräch ausrichtet. Fragen nach dem Unterschied, nach Ausnahmen, nach problemfreien Zeiten, nach Erfolgen usw. ermöglichen die Neuorganisation eines Systems. Wie in einem Reisebüro wird penetrant nicht nach dem warum sondern dem wohin gefragt. Der Fokus richtet sich auf das Positive. Eine kleine Veränderung kann grosse Auswirkungen nach sich ziehen.

Idealerweise versteht die lösungsorientierte Arbeit den Klienten als Kunden. Der Kunde ist der Experte seines eigenen Anliegens. Es gilt, unaufhörlich und unnachgiebig sich den Zielen des Kunden zu widmen und sich an dessen Glaubenssystem zu orientieren. Solange der Kunde ein Anliegen formuliert, ist er in einer kooperativen Grundhaltung, die eine lösungsförderliche Atmosphäre schafft.

Lösungsorientiert zu denken, zu sprechen und zu handeln erschöpft sich nicht im Wissen über lösungsorientierte Techniken. Es bedarf einer grundsätzlichen Haltung, die von einem positiven Menschenbild, von wohlwollenden Vorgehensweisen und selbstverantwortlicher Lebensgestaltung geprägt ist. Dem zu Folge bedeutet das Lernen eines lösungsorientierten Ansatzes zugleich die Bereitschaft, sich selbst in diesem Sinne zu prüfen, zu verändern und weiterzuentwickeln». (vgl. www.internationalhealing-academy.com)

Die Grundhaltung, dass die Anliegen aller Personen berechtigt sind und sämtliche Einflüsse der Situation berücksichtigt werden sollen, ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Intervention und eine solide Prävention. Allparteilichkeit schafft Vertrauen und fördert die Zusammenarbeit.

Multimediale Arbeitsmethode

Das Interventionsmodell der Integrativen Friedensförderung ist vielschichtig. Es geht von drei grossen Arbeitsbereichen aus. Die erste bezieht sich auf die Konfliktbearbeitung im engeren Sinne. Die zweite beinhaltet die Schaffung von friedensförderlichen Strukturen und wertschätzender Kultur. Letztere legt das Augenmerk auf die persönlichen Fähigkeiten der einzelnen Personen. In jedem der drei Arbeitsbereiche ist das dialogische Prinzip bedeutsam.

Konflikte lassen sich entschärfen, wenn die zerstrittenen Parteien die Bereitschaft zum Gespräch aufbringen können, die unterschied-lichen Themen als Gesprächsinhalte anerkennen, auf die Bedürfnisse hinter den Positionen hören, in Optionen denken und kommunizieren, mit Angeboten in die Lösungsfindung eintreten und miteinander eine verbindliche und einvernehmliche Abmachung treffen. So gelingen Dialoge. Fehlt ein Element, steht die Streitschlichtung auf unsicherem Boden. Alle Elemente müssen beachtet werden.

Gleiches ist bei der Schaffung von strukturellen und kulturellen Voraussetzungen auf der kurativen Konfliktebene notwendig. Auch hier sind die sechs Elemente bedeutsam. Wir wissen, dass unvollständiges Wissen, starre und verzerrte Menschenbilder, das Verunmöglichen von Gesprächsräumen oder unbezogenes Reden die Kommunikation ersticken kann. Die Friedensförderung in diesem Bereich richtet den Fokus deshalb verstärkt auf die Entschlackung von Strukturen und Prozessen und auf die Enthärtung von Menschenbildern.

Für einen erfolgreichen Dialog ist es unausweichlich, dass wir die Fähigkeit zu bezogenem Kommunizieren besitzen. In der präventiven Konfliktebene werden die Grundwerkzeuge für den friedlichen Umgang miteinander gelegt. Die persönliche Dialogfähigkeit hängt stark von dem Umfeld ab, in dem wir aufgewachsen sind. Unsere Eltern und andere Erziehungsautoritäten wie Lehrer lehrten uns bewusst und unbewusst, wie miteinander umgegangen werden soll. Die vergangenen Beziehungsstrukturen und Umgangsformen bleiben in uns weiter bestehen. Sie hinterlassen in uns ihre Spuren. In der therapeutischen Arbeit wird immer wieder deutlich, dass Unzulänglichkeiten auf misslungenen Dialog aus Kindertagen zurückgeführt werden kann.

Die Arbeitsbereiche werden von der akuten über die kurative zur präventiven durchgearbeitet. Der Blick behält immer alle Ebenen im Auge. Mit unterschiedlichsten Methoden aus verschiedenen Fachbereichen werden die strukturellen und kulturellen Voraussetzungen für Dialoge geschaffen.

Im Rahmen dieses Textes macht die Schilderung aller Methoden und Verfahren keinen Sinn. Für die ausführlichere Information wird auf die Einführungsveranstaltung «Zeit für Frieden» und auf die nachfolgend aufgeführten Schriften verwiesen:

  • Bitterli, Denis: Die Kunst des Friedens. Das Handbuch zum mediativen Handeln. Basel: Eigenverlag 2010
  • Bitterli, Denis: Inneres Klärungsgespräch. Basel: Eigenverlag 2011
  • Bitterli, Denis: Polydimensionale Mediation. Basel: Eigenverlag 2011
  • Bitterli, Denis: Praxisbox. Methoden von A bis Z. Basel: Eigenverlag 2012

Schlusswort

Integrative Friedensförderung ist Kultur förderlich. Sie verbessert Lebens- und Arbeitswelten, schlägt Brücken zwischen Wissensgebieten und religiösen Gesinnungen, vertieft menschliche Beziehungen, unterstützt persönliches Wachstum und schafft nachhaltigen Frieden.

«Um Frieden zu haben, muss man ihn wollen.
Man darf nicht ständig daran zweifeln.»

Aristide Briand (1862–1932)

Basel, im Januar 2012 Denis Marcel Bitterli, Mediator SDM / EBEM

Denis Marcel Bitterli, Mediator SDM / EBEM, Integrative Friedensförderung, der politische Frieden, der soziale Frieden, persönlicher Frieden, systemisch-lösungsorientierter Ansatz, Lösungsorientierung.

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