Der letzte Kongress
Am 13./14. November 2010 fand im congress center basel der letzte perspectiva-Kongress statt. Der Initiator und Projektleiter Lothar Riedel hat sich entschieden, seine Kreativität, seine organisatorische Erfahrung in andere Projekt fliessen zu lassen, vornehmlich in das Ausbildungsinstitut perspectiva am Auberg in Basel. In einer Rede nahm er Abschied von dieser Art Kongresse und den dankte den Kongressgästen für Ihre (langjährige) Treue. Auf vielfachen Wunsch veröffentlichen wir diese Rede hier auf unseren Internetseiten.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Weggefährtinnen und Weggefährten in all den Jahren
Hier im gleichen Gebäude findet parallel zu unserem Kongress die BuchBasel statt. Dort werden neben dem BuchBasel-Forum, Literaturforum, Themenforum, Dialogforum, dem Jugendliteratur-haus und der Kinderzeltstadt noch eine ganze Reihe externer Veranstaltungen angeboten. 200 Verlage stellen ihre Bücher vor und über 200 Veranstaltungen mit prominenten Persönlichkeiten werden durchgeführt.
Damit Sie sich als Kongressteilnehmerinnen und Kongressteilnehmer möglichst aktiv mit dem Begriff "Zuvielisation" – und vor allen Dingen mit der Frage wie viel weniger für sie ganz persönlich mehr ist, auseinandersetzen können – sie merken: lebendiges Lernen! - haben wir mit den Organisatoren der BuchBasel vereinbart, dass sich alle unsere Kongress-teilnehmenden unten an der Information im Foyer der BuchBasel einen Gratiseintritt lösen können. Zeigen Sie ihr Namensschildchen vor und Sie bekommen einen Gratiseintritt, haben somit die Möglichkeit in den Pausen die BuchBasel zu besuchen.
So ist es doch meistens auch in unserem Alltag; wir sind umgeben von unglaublich vielen Angeboten – darunter immer auch sehr gute, hochkarätige, wertvolle – und sind heraus-gefordert eine ganz persönliche Auswahl zu treffen. Ich glaube nicht, dass die "Zuvielisation" der springende Punkt ist – die wird sich weiter und weiter entwickeln, wird in dieser unserer Konsumgesellschaft immer weiter wachsen – die echte Herausforderung in unserer Zeit und auch in der Zukunft für jeden Einzelnen von uns, liegt in der Beantwortung von Fragen wie
Wie viel weniger ist mehr? Wie viel mehr ist genügend? Was will ich wirklich wirklich? Was brauche ich wirklich? Worum geht es für mich in dieser meiner Lebenszeit?
Die Wortschöpfung "Zuvielisation" begegnete mir vor vielen Jahren durch Ruth Cohn, der Begründerin der Themenzentrierten Interaktion. Sie verwendete den Begriff in einem Vortrag und gab an, ihn als Graffiti auf einer Hauswand – in Bern oder Zürich - gesehen zu haben.
Erst von einigen Tagen schrieb mir der Herausgeber des sehr empfehlenswerten Schweizer Magazins Zeitpunkt, Christoph Pfluger, er kenne denjenigen, der diesen Begriff erfunden und ihn in den 80iger Jahren auf Berner Hauswände und Mauern gesprayt hat - worauf wir den Erfinder dieses Wortes zu diesem Kongress eingeladen haben – und ich hoffe, er ist hier.
Es gibt noch einen verwandten Begriff, den ich bei Eckhard von Hirschhausen gesehen habe. Als Mediziner und Kabarettist definiert er das, was wir hier meinen als Zuvielitis, frei nach dem Motto: Dieses Gerät nimmt Ihnen die Hälfte der Arbeit ab. – Gut, dann nehme ich zwei.
Zuviel, zuviel, zuviel – von allem zuviel – und im Ganzen zu wenig – worum geht es eigentlich? Was ist das wirklich wichtige in meinem Leben?
Ganz bewusst ist in allen religiösen Traditionen der spirituelle Weg immer auch mit Einfachheit und Verzicht verbunden.
Aber Achtung: weniger ist nicht automatisch mehr.
Zu viel Menge verhindert Fülle.
Zu wenig Menge auch.
Die richtige Menge jedoch ist ein Beitrag zur inneren Fülle.
Diese wertvolle Erkenntnis stammt von Ute Lauterbach, die im vergangenen Jahr als Referentin hier bei uns war. Sie hat unser Kongressthema auf den Punkt gebracht mit diesem äusserlich kleinen, aber inhaltlich so reichhaltigem Buch. Es hat den Titel "Wie viel weniger ist mehr? – Lebenslust auf den Punkt gebracht" und erscheint im Februar im Herder Verlag. Noch eine Kostprobe daraus:
Wenn irgendetwas zu viel ist, ist etwas anderes im gleichen Atemzug zu wenig.
Wer zu viele Pullover hat, hat zu wenig Platz im Schrank.
Wer zu viele Bekannte hat, hat zu wenig Zeit für sich.
Wer zu viel im Kopf hat, hat zu wenig Raum für neue Ideen.
Wer zu viel Termine hat, verlernt das Schlendern.
Wer zu viele Antworten hat – wer zu viel weiss -, hat zu wenig Fragen.
Wer zu viel arbeitet, hat zu wenig Mußestunden.
Wer zu viele Gartenzwerge hat, hat zu wenig Platz für Blumen.
Über dieses zu viel und zu wenig habe ich mir in diesem Jahr einige Gedanken gemacht. Ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, dass zu viel Begeisterung, zu viel Kreativität, zu viel Liebe, zu viel Inspiration, zu viel Mitgefühl selten oder gar nicht anzutreffen sind?
1993 habe ich – neben den Aus- und Weiterbildungen, die perspectiva angeboten hat - begonnen, diese Art von Kongresse zu organisieren. Meine Motivation war es immer Impulse der Lebenskunst zu geben, Saat auszustreuen, damit an möglichst vielen Orten diese Saat dann aufgehen kann. Das ist auch immer wieder gelungen, wie ich aus den Rückmeldungen und Gesprächen nach den jeweiligen Kongressen erfahren konnte.
Das schönste Kompliment habe ich vor zwei Jahren von einer Teilnehmerin bekommen, als sie mir sagte: "Nächstes Jahr werde ich nicht dabei sein, weil ich noch daran bin, die Impulse vom letzten Jahr praktisch in meinem Alltag umzusetzen."
17 Kongresse haben wir veranstaltet, einige mit grossem Erfolg, was die Zahl der Teilnehmenden angeht, und bei anderen kamen wir gerade so über die Runden, konnten gerade mal unsere Rechnungen bezahlen. Es gibt da drei Begriffe, die bei der Durchführung unserer Veranstaltungen nie eine Rolle spielten:
Subventionen | Sponsoring und Defizitgarantie
Wir haben immer alles über die tatsächlichen Einnahmen finanziert, was manchmal ganz schön schwierig war uns aber geholfen hat, in der Themen- und Referentenauswahl frei zu bleiben. Es waren ja immer meine Themen und meistens die Referentinnen und Referenten, die ich am interessantesten fand.
Nun habe ich mich dazu entschlossen, keine Kongresse in dieser Art mehr durchzuführen – warum?
... weil sich meine Arbeitsschwerpunkte immer mehr auf unser Ausbildungsinstitut hier in Basel am Auberg verlagert haben
... weil ich eine gewisse Müdigkeit feststelle, was die Kongress-Organisation angeht
... weil die jeweiligen Kongressthemen immer auch meine Themen sind und auch ich mich frage, wie viel weniger für mich mehr ist?
... weil ich die Kunst des Aufhörens erlernen möchte
... weil ich deutlich spüre, dass es genug ist
... weil man bekanntlich dann aufhören sollte, wenn es am schönsten ist
Die Liste all derer, denen es zu danken gilt, ist lang. Zu lang, um alle hier zu nennen, deshalb formuliere ich es einmal so:
Ich danke allen, die mich in den vergangenen Jahren begleitet haben, denen ich jedes Jahr hier begegnet bin, allen Teilnehmenden, unseren Referentinnen und Referenten, all denen, die im Foyer mit Ausstellung und Verkauf Farbe in das Kongress-Geschehen brachten und natürlich ganz besonders unserem bewährten Organisationsteam vor Ort, von denen die meisten auch schon viele Jahre mit dabei sind.
Es war eine schöne Zeit und es gibt tausend Gründe dankbar zu sein.
Alles hat seine Zeit – behalten Sie die perspectiva-Kongresse in guter Erinnerung.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns allen für diese Tage einen offenen Geist und ein ebenso offenes Herz –
Vielen Dank!
... und hier als pdf zu ausdrucken: Abschlussrede
