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Ausbildungsinstitut perspectiva

perspectiva Impulse

Verstehen – Verständnis – Einverständnis

Unser Erstklässler entwickelt sich zum begeisterten Leser aller bebilderten Kurztexte. Werbe-Beilagen von Baumärkten zum Beispiel. Interessiert buchstabiert er neben einem Badzimmer-Bild: "Dusch-WC". Das sichtbar vor sich gehende Denken mündet jedoch in unmittelbarer Abscheu: "Iiii, da muss man den Kopf ins WC stecken??"

Wir können klären, dass es beim Dusch-WC weniger um den Kopf geht. Die Szene veranschaulicht jedoch einen Mechanismus, der vielen Konflikten zugrunde liegt: Das semantische Nicht-Verstehen zieht eine direkte Abwertung und Ablehnung nach sich. Die dann ggf. wiederum zu Unverständnis und heftiger Gegenreaktion und damit in die Eskalation führen.

In mediativer Konfliktbearbeitung werden daher prozessual (1) das Verstehen als inhaltliches Begreifen, (2) das Verständnis im Sinne des emotionalen oder empathischen Nachvollziehen-könnens, dass jemand etwas aus seiner/ihrer Sicht sagt, und (3) das zustimmende Einverständnis getrennt:

In einem ersten Schritt werden die Darlegungen der Sichtweisen von der Mediatorin/dem Mediator in eigenen Worten wiederholt und damit interaktiv und konsequent das Verstehen des Gemeinten abgesichert. Oft klären sich dabei für andere Beteiligte wichtige Kontextinformationen, die für das (Sach-)Verstehen und das Erfassen der Bedeutung des Gemeinten wichtig sind.

Erst wenn mit allen Beteiligten in einem nächsten Schritt auch erarbeitet werden konnte, was ihnen im Zusammenhang mit den Themen grundsätzlich wichtig ist, wird mit dem Perspektivenwechsel das Verständnis erfragt, im Sinne des schlichten Nachvollziehen-könnens der Interessen/Bedürfnissen der Gegenüber.

Das Einverständnis im Sinne der Zustimmung wird in Mediationen nicht für ursprüngliche Positionen, sondern erst auf der ergebnisoffen und gemeinsam zu entwickelnden Lösungsebene gesucht und - auf der Basis dieses Gesicht wahrenden und zukunftsorientierten Vorgehens - überwiegend gefunden.

Das "Dusch-WC" ist - zugegeben - ein recht konkret erfassbarer Gegenstand, im Vergleich zu Konfliktstoffen um "Gerechtigkeit", "Verantwortung", "Co-Leitung", "Schuld" o.ä. Doch keine*r ist zu klein, zu lernen, mögliche Präferenzen von anderen nicht vorschnell abzuqualifizieren. Der Erstklässler nickt zu den Ausführungen verständnisvoll: "Aber in diesem Baumarkt kaufen wir trotzdem kein neues WC." Einverstanden.