Zum Hauptinhalt springen

Ausbildungsinstitut perspectiva

Déformation maternelle

Nach einigen arbeitsreichen Wochen ist mir der gemeinsame Familienausflug am Sonntag besonders wichtig und ich moderiere engagiert, wohin es gehen könnte. Der 9-jährige wünscht sich Wald, wenn wir die Schnitzmesser mitnehmen und etwas bauen können. "Oder ein Wildschwein jagen. Und grillen", wirft der 7-jährige ein. "Wald finde ich gut. Aber müssen die Messer sein?", wage ich zu relativieren: "Finger wieder annähen ist so anstrengend." Darauf der ältere: "Oh Mama, manchmal bist du einfach zu sehr Mutter. Es reicht auch halb so viel."

Aus dem vielsagend belustigten Mit-Elter-Blick schliesse ich, dass meine Besorgnis offenbar auch von partnerschaftlicher Seite als übertrieben wahrgenommen wird. Gibt es neben der Déformation professionnelle auch eine Déformation maternelle? Zum Beispiel als Überkompensation eines vorangegangenen Working-Mom-Rabenmuttergefühls?

In Konflikten entstehen Blockaden oft, wenn Beteiligte zwischen sich ausschliessenden Gegensätzlichkeiten schwanken: Mutter und/oder Erwerbsarbeit gehören dabei zu den Klassikern. In Trennung und Scheidung kann sich der innere Konflikt auch zur Frage zuspitzen, wer (ausser man selbst) die Kinder überhaupt (gut) betreuen kann.

Diese Ambivalenzen offenbaren in emotional aufgeladenen oder hochstrittigen Themen dabei ein interessantes Merkmal: Es geht gar nicht um die wirklichen Gegensätze selbst, sondern um die moralisch aufgeladenen Bilder, die damit (subjektiv) verknüpft sind: Sowohl das Rabenmutter-Gefühl wie auch die Überbesorgnis entstehen aus einem (übertriebenen) Anspruch an sich selbst, immer für die Kinder da sein zu müssen. Dieser nährt - trotz allem rationalen Wissen, dass die Kinder auch anders bestens betreut und wohl sind, ein schlechtes Gewissen und Übermotivation.

In Mediationen arbeiten die Beteiligten in Form von Interessen und Bedürfnisse auf, was es für sie heisst, eine gute Mutter sein zu wollen, und ob die Vorstellungen und Glaubenssätze, mit denen man unterwegs ist, tatsächlich noch stimmen. In Alltagssituationen hilft schon lebensgefährtliche Belustigung – solange sie nett gemeint ist.

Wir sind an jenem Sonntag übrigens unbeschadet und mit allen Fingern aus dem Wald zurückgekehrt: Die Schnitzsequenz hatte unter der väterlichen Anleitung gutes Gelingen gefunden. Auf Wildschweine waren wir glücklicherweise nicht getroffen.

  • Aufrufe: 134

Lernen als DIE Ressource unserer Zeit

In jüngster Zeit haben wir immer wieder bestens qualifizierte Teilnehmer*innen am Ausbildungsinstitut perspectiva, die durch Stellenabbau ihre Arbeit verloren haben, im Bereich Management grosser Detailhändler, Versicherer, Banken u.a. Grosse Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt durch technologische Entwicklungen und veränderte Konsumverhalten sind dabei das eine, weitere notwendige wirtschaftliche Anpassungen an Klimawandel und weltpolitische Lagen das andere.

Der Ökonom Christian Müller vom «Intrinsic Learning Lab» in Zürich bezeichnet daher Lernen als «die Ressource unserer Zeit». Da sich die Welt allerdings gerade rasant verändert, ist entscheidend, als Ziel des Lernens die Fähigkeiten des Lernens an sich zu entwickeln, um mit Veränderungen konstruktiv umgehen und sich anpassen zu können, Wissen für neue Situationen fruchtbar zu machen, gemeinsam Strategien und Lösungen zu entwickeln.

Nicht zuletzt geht es für Menschen auf dem Arbeitsmarkt zunehmend auch um die Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit, wie der u.a. der Zürcher Soziologe Simon Walo untersucht, wobei Weiterbildung wiederum eine Rolle spielt.

Dass interessanterweise viele unserer Teilnehmer*innen im Laufe einer Ausbildung in den Bereichen Mediation, Coaching, Gewaltfreie Kommunikation, Moderation u.a. auch neue Stellen gefunden haben, oft verbunden mit einer (Neu-)Orientierung hin zu persönlich sinnhaftem Arbeiten, für Stadtgrün, saubere Energieversorgung, belastbare und konstruktive Strukturen und Prozesse kommunaler Planung, Unterstützung von Menschen in herausfordernden Situationen u.v.m., hat möglicherweise mit diesen weiterbildenden Formen des Lernens zu tun:

Es geht darum, Kompetenzen zu erweitern, indem wir mit unseren Ressourcen und eigenen inneren Haltungen in Kontakt kommen und diese ausbilden. Durch Orientierung an den Bedürfnissen und Interessen, entsteht nicht nur die Verbindung zu sich selbst, sondern damit auch Chancen, Individualität und Vielfältigkeit, Talente und Stärken neu zu sortieren und sinnvoll nutzbar zu machen.

Bei allen unseren Aus- und Weiterbildungen geht es dabei eigentlich nicht in erster Linie um sich selbst, sondern um das Lernen am Selbst als Grundlage für die Unterstützung der anderen, für das gemeinsame Vorankommen.

  • Aufrufe: 96

Verstehen – Verständnis – Einverständnis

Unser Erstklässler entwickelt sich zum begeisterten Leser aller bebilderten Kurztexte. Werbe-Beilagen von Baumärkten zum Beispiel. Interessiert buchstabiert er neben einem Badzimmer-Bild: "Dusch-WC". Das sichtbar vor sich gehende Denken mündet jedoch in unmittelbarer Abscheu: "Iiii, da muss man den Kopf ins WC stecken??"

Wir können klären, dass es beim Dusch-WC weniger um den Kopf geht. Die Szene veranschaulicht jedoch einen Mechanismus, der vielen Konflikten zugrunde liegt: Das semantische Nicht-Verstehen zieht eine direkte Abwertung und Ablehnung nach sich. Die dann ggf. wiederum zu Unverständnis und heftiger Gegenreaktion und damit in die Eskalation führen.

In mediativer Konfliktbearbeitung werden daher prozessual (1) das Verstehen als inhaltliches Begreifen, (2) das Verständnis im Sinne des emotionalen oder empathischen Nachvollziehen-könnens, dass jemand etwas aus seiner/ihrer Sicht sagt, und (3) das zustimmende Einverständnis getrennt:

In einem ersten Schritt werden die Darlegungen der Sichtweisen von der Mediatorin/dem Mediator in eigenen Worten wiederholt und damit interaktiv und konsequent das Verstehen des Gemeinten abgesichert. Oft klären sich dabei für andere Beteiligte wichtige Kontextinformationen, die für das (Sach-)Verstehen und das Erfassen der Bedeutung des Gemeinten wichtig sind.

Erst wenn mit allen Beteiligten in einem nächsten Schritt auch erarbeitet werden konnte, was ihnen im Zusammenhang mit den Themen grundsätzlich wichtig ist, wird mit dem Perspektivenwechsel das Verständnis erfragt, im Sinne des schlichten Nachvollziehen-könnens der Interessen/Bedürfnissen der Gegenüber.

Das Einverständnis im Sinne der Zustimmung wird in Mediationen nicht für ursprüngliche Positionen, sondern erst auf der ergebnisoffen und gemeinsam zu entwickelnden Lösungsebene gesucht und - auf der Basis dieses Gesicht wahrenden und zukunftsorientierten Vorgehens - überwiegend gefunden.

Das "Dusch-WC" ist - zugegeben - ein recht konkret erfassbarer Gegenstand, im Vergleich zu Konfliktstoffen um "Gerechtigkeit", "Verantwortung", "Co-Leitung", "Schuld" o.ä. Doch keine*r ist zu klein, zu lernen, mögliche Präferenzen von anderen nicht vorschnell abzuqualifizieren. Der Erstklässler nickt zu den Ausführungen verständnisvoll: "Aber in diesem Baumarkt kaufen wir trotzdem kein neues WC." Einverstanden.

  • Aufrufe: 80

Viel Sonne

Von dem altgriechischen Dichter Aesop aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, ist folgende Fabel überliefert: Wind und Sonne stritten, wer von ihnen stärker sei und mehr Macht über die Menschen habe. Sie messen sich, indem sie versuchen, einem Wanderer seinen Mantel zu entreissen. Der Wind stürmt und gibt mit der Gewalt von Hagel- und Regenschauern alles. Daraufhin wickelt sich der Mann aber nur fester in seinen Mantel. Die Sonne beginnt hernach freundlich zu strahlen, so dass es dem Wanderer bald so heiss wird, dass er seinen Mantel freiwillig ablegt.

Dass Freundlichkeit und Empathie Türen oft schneller öffnen können, als gleichsam an ihnen herumzurütteln, ist dabei mehr als eine Binsenweisheit. Denn was in Aesops Übertragung auf Sonne und Wind gar nicht vorkommt, ist, welchen Unterschied das Verhalten auch für die Sender*innen macht:

Die Philosophin Ariane ten Hagen beschreibt die primäre Empathie als allen Menschen eigene Wahrnehmung, mit der wir spontan den Zustand des Gegenübers empfinden. Etwas in uns spiegelt etwas vom anderen. So können wir "den verkörperten Ausdruck eines müden Gegenübers" schon fühlend erkennen, bevor wir uns den Zustand dann auch (sekundär) logisch überlegen und einordnen.

Im Hinblick auf den Umgang mit diesem Berührt-werden vom anderen, unterscheidet ten Hagen drei Möglichkeiten: Wir verhalten uns (1) der primären Empathie adäquat und fragen z.B. nach, was jemand braucht, was passiert ist, ob wir helfen können usw. Oder wir verhalten uns (2) indifferent (gleichgültig), oder (3) instrumentalisieren die Situation für eigene Zwecke, z.B. indem wir Hilfe an Bedingungen knüpfen.

Logischerweise können wir uns nicht in allen Situationen und zu allen immer adäquat empathisch verhalten und mit allen in Interaktion gehen. Und doch "machen wir alle diese unausweichliche Erfahrung primärer Empathie, einer radikalen Verbundenheit mit anderen" und müssen uns dazu verhalten. Mit Folgen für unser "Welt- und Selbstverhältnis", wie ten Hagen betont.

Denn wenn wir uns immer wieder gegen unsere primäre Empathie entscheiden und Menschen in ihrer Freude und ihrem Schmerz ignorieren, ihre Gefühle an uns nicht heranlassen, dann ignorieren wir diesen Teil auch in uns, wehren z.B. die eigene Traurigkeit in uns ab, die eben in Resonanz ging. Daraus resultiert mit der Zeit eine sich ausbreitende, gefühlsmässige Leere.

Wenn wichtige Bezugspersonen von Kindern diesen gegenüber nicht adäquat empathisch reagieren, also z.B. auf einen Schmerz des Kindes kein Umsorgen folgt, sondern dieser ignoriert oder abgetan wird, können Kinder kein authentisches Gefühl von sich aufbauen und beginnen in der Folge vielleicht selbst, Schmerz als etwas Normales abzutun. Damit würden sie von sich selbst entfremdet, mit weit reichenden Folgen für ihre Selbst- und Weltbeziehung (also zukünftige Gegenüber).

Die gute Nachricht ist: Empathie im Sinne des adäquaten Umgangs mit der in uns allen angelegten primären Empathie ist lernbar. Für den vietnamesischen buddhistischen Lehrer Thich Nhat Han (1926–2022) ist daher "der beste Weg, sich um die Zukunft zu kümmern, sich um den gegenwärtigen Moment zu kümmern".

  • Aufrufe: 46

Von künstlicher und menschlicher Intelligenz

«Die Geistesgegenwart zu behalten bedeutet, unsere Kognition nicht einfach auszulagern», schreibt Richard David Precht in seinem Buch: Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens.

Maschinen können zwar ungleich besser rechnen, kalkulieren und grösste Datenmengen verarbeiten. Aber die «Lektion des Computers ist nicht, dass er uns bald ersetzt, sondern das zu entdecken, bei dem er uns nicht ersetzen kann».

Menschliche Intelligenz ist eben gerade nicht in erster Linie logisch, streng rational und regelbasiert, sondern durchzogen von Gefühlen, Intuition, Spontanität, Assoziation. Bedeutungen werden nicht logisch erschlossen, sondern aus dem situativen Kontext abgeleitet, mit feinem Sinn für Stimmungen, komplexe Zusammenhänge, unter Einbezug von Lebenserfahrung und Haltungen: Wir nehmen unsere Umwelt nicht nur wahr, wir konstruieren sie als Sinnzusammenhänge.

Die Frage nach dem Umgang mit KI ist für Precht daher v.a. eine «Bildungsfrage», nämlich als Menschen und Gesellschaften zu «lernen, intelligenter mit Computern umgehen». Eine Frage, die sich angesichts eines Kommerz getriebenen «Diktats des Schneller, Höher, Weiter», einer «Algokratie» (auf Algorithmen basierende Herrschaftsform), unreflektiertem «Datatismus» und der Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen dringlichst stellt.

Es gelte, die Mittel – wie Innovation, Rationalität, Effizienz und Fortschritt – nicht länger per se als Ziele zu akzeptieren, sondern neu auszurichten. Rationalität allein biete keine Anleitung für ein gelingendes Leben. Glück, Zufriedenheit, Sinn sind für Menschen das, als was sie sich anfühlen, so wie Wohlstand, Frieden, Rechtsstaatlichkeit, Brüderlichkeit, Freiheit gesellschaftliche Ziele sind, die Sinn stiften.

Um Fortschritt und Humanität neu aufeinander zu beziehen, braucht es allerdings mehr als Programmier*innen und selbstlernende Superintelligenz. Es braucht v.a. reflexive Praxen und «gesunden Menschenverstand».

  • Aufrufe: 339