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Ausbildungsinstitut perspectiva

perspectiva Impulse

Viel Sonne

Von dem altgriechischen Dichter Aesop aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, ist folgende Fabel überliefert: Wind und Sonne stritten, wer von ihnen stärker sei und mehr Macht über die Menschen habe. Sie messen sich, indem sie versuchen, einem Wanderer seinen Mantel zu entreissen. Der Wind stürmt und gibt mit der Gewalt von Hagel- und Regenschauern alles. Daraufhin wickelt sich der Mann aber nur fester in seinen Mantel. Die Sonne beginnt hernach freundlich zu strahlen, so dass es dem Wanderer bald so heiss wird, dass er seinen Mantel freiwillig ablegt.

Dass Freundlichkeit und Empathie Türen oft schneller öffnen können, als gleichsam an ihnen herumzurütteln, ist dabei mehr als eine Binsenweisheit. Denn was in Aesops Übertragung auf Sonne und Wind gar nicht vorkommt, ist, welchen Unterschied das Verhalten auch für die Sender*innen macht:

Die Philosophin Ariane ten Hagen beschreibt die primäre Empathie als allen Menschen eigene Wahrnehmung, mit der wir spontan den Zustand des Gegenübers empfinden. Etwas in uns spiegelt etwas vom anderen. So können wir "den verkörperten Ausdruck eines müden Gegenübers" schon fühlend erkennen, bevor wir uns den Zustand dann auch (sekundär) logisch überlegen und einordnen.

Im Hinblick auf den Umgang mit diesem Berührt-werden vom anderen, unterscheidet ten Hagen drei Möglichkeiten: Wir verhalten uns (1) der primären Empathie adäquat und fragen z.B. nach, was jemand braucht, was passiert ist, ob wir helfen können usw. Oder wir verhalten uns (2) indifferent (gleichgültig), oder (3) instrumentalisieren die Situation für eigene Zwecke, z.B. indem wir Hilfe an Bedingungen knüpfen.

Logischerweise können wir uns nicht in allen Situationen und zu allen immer adäquat empathisch verhalten und mit allen in Interaktion gehen. Und doch "machen wir alle diese unausweichliche Erfahrung primärer Empathie, einer radikalen Verbundenheit mit anderen" und müssen uns dazu verhalten. Mit Folgen für unser "Welt- und Selbstverhältnis", wie ten Hagen betont.

Denn wenn wir uns immer wieder gegen unsere primäre Empathie entscheiden und Menschen in ihrer Freude und ihrem Schmerz ignorieren, ihre Gefühle an uns nicht heranlassen, dann ignorieren wir diesen Teil auch in uns, wehren z.B. die eigene Traurigkeit in uns ab, die eben in Resonanz ging. Daraus resultiert mit der Zeit eine sich ausbreitende, gefühlsmässige Leere.

Wenn wichtige Bezugspersonen von Kindern diesen gegenüber nicht adäquat empathisch reagieren, also z.B. auf einen Schmerz des Kindes kein Umsorgen folgt, sondern dieser ignoriert oder abgetan wird, können Kinder kein authentisches Gefühl von sich aufbauen und beginnen in der Folge vielleicht selbst, Schmerz als etwas Normales abzutun. Damit würden sie von sich selbst entfremdet, mit weit reichenden Folgen für ihre Selbst- und Weltbeziehung (also zukünftige Gegenüber).

Die gute Nachricht ist: Empathie im Sinne des adäquaten Umgangs mit der in uns allen angelegten primären Empathie ist lernbar. Für den vietnamesischen buddhistischen Lehrer Thich Nhat Han (1926–2022) ist daher "der beste Weg, sich um die Zukunft zu kümmern, sich um den gegenwärtigen Moment zu kümmern".