perspectiva Impulse
In der Ruhe liegt die Kraft
«In der Ruhe liegt die Kraft», lautet das mütterliche Mantra, das mich seit einem Morgen in der 3. oder 4. Klasse begleitet: Ich hatte auf dem Schulweg bemerkt, dass ich meine Mütze vergessen hatte, ohne die man nicht am Schwimmunterricht teilnehmen durfte.
In heller Aufregung rannte ich zurück, um wegen des Schlüssels meine Mutter noch zu erwischen, die gleichzeitig in die entgegengesetzte Richtung zur Arbeit aufgebrochen war. Mein Vater war um diese Uhrzeit längst unterwegs, mein Bruder bis dahin ein paar Schritte vor oder hinter mir Richtung Schule getrottet. Als ich sie ausser Atem erreichte, gab sie mir mit dem Schlüssel diesen Satz, der mir nun schon in vielen Situationen geholfen hat.
Wieviel mehr darin steckt, beschreibt der britische Neurowissenschaftler Joseph Jebelli in dem 2025 erschienen Buch: «The brain at rest». In Pausen, in denen wir wirklich nichts tun, ist eine Art «Ruhenetzwerk» aktiv, in denen das Hirn nicht nur gleich viel Energie verbraucht und bestimmte Regionen überhaupt erst aktiv werden, sondern diese auch wichtige Funktionen übernehmen: Es werden Erinnerungen verknüpft, Szenarien kreiert, Probleme gelöst und Synapsen gestärkt, die Intelligenz, Kreativität und soziale Empathie fördern und damit neurologischen Erkrankungen wie Depressionen oder Demenz zu entgegen wirken.
Wem also intuitiv für die bevorstehende Sommerzeit Momente des gepflegten Müssiggangs, Bummelns und Ausruhens vorschweben, des gemächlichen Seins an und in Wassern, Wald und Flur, liegt gemäss Jebelli goldrichtig. Insofern freue mich besten Gewissens auf meinen Gartenwiese-Schattenposten in Ungarn, von dem aus ich die nächsten Tage den Jüngsten zusehe, wie sie die WM nachspielen oder den grossväterlichen Hund bespassen – sofern der nicht gerade sein artgemässes Recht auf ausgiebiges Dösen beansprucht.
Wenig überraschend fallen für Jebelli die Ablenkungen durch Smartphones und andere Medien übrigens nicht unter das hirnfreundliche Nichtstun. Bei wem diesbezüglich unmittelbar Panik aufsteigt, könnte innerlich das folgende Mantra versuchen: «In der Ruhe...».