perspectiva Impulse
Von unlösbaren Konflikten und siebzehn Kamelen
«Wir haben die Lösungen. Wir haben das Geld. Wir wissen nur nicht, wie man zusammenarbeitet», zitiert William Ury, Mitautor von «Das Harvard-Konzept», einen amerikanischen Bauern in seinem neuesten Buch "Possible". Mancherorts polarisierte Wählerschaften, beschwerliche Regierungsfindungen und punktuell heftige Zerstörungswut auf den Strassen bestätigen den Befund wachsender Entfremdung. Man redet eher über-, weniger miteinander. Lösungsfindung wird als von vornherein unmöglich abgetan mit der Begründung, dass die Sichtweisen beim besten Willen nicht übereinzubringen, die Differenzen unüberbrückbar seien.
William Ury, jahrzehntelanger Vermittler in internationalen Konflikten, erzählt daher eine Parabel aus dem Nahen Osten: Ein alter Mann bestimmt, wie seine Hinterlassenschaft auf die drei Söhne verteilt werden soll: Der älteste Sohn erbt die Hälfte, der mittlere ein Drittel und der jüngste ein Neuntel. Nach dem Tod des Vaters besteht das Erbe aber aus siebzehn Kamelen. Da siebzehn weder durch zwei, drei noch neun teilbar ist, entbrennt ein heftiger Streit zwischen den Brüdern über diese unlösbare Aufgabe.
In ihrer Not wenden sich die verstrittenen Brüder an eine weise Frau, die ihnen nach einer Bedenkzeit am nächsten Tag eines ihrer eigenen Kamele anbietet. Die Brüder nehmen das Geschenk überrascht an und sich von den nun achtzehn Kamelen ihre jeweiligen Anteile: der älteste die Hälfte, also neun, der mittlere ein Drittel, also sechs, der jüngste ein Neuntel, also zwei. Neun plus sechs plus zwei ergibt siebzehn - ein Kamel, das Geschenk der weisen Frau, bleibt übrig. Berührt und dankbar geben sie es ihr zurück.
Ury fasst anhand der Geschichte die aus seiner Erfahrung wichtigsten Schlüssel für hoch eskalierte Konflikte zusammen, die er mit «Balkon», «Brücke» und «dritte Seite» benennt: Die weise Frau erwirkt, als dritte Seite, mit der Bedenkzeit eine Pause vom destruktiven Hin und Her und geht auf den inneren Balkon, um das grosse Ganze in den Blick zu nehmen, einen Überblick zu gewinnen und Möglichkeiten zu erkennen. Dann baut sie den Parteien eine «goldene Brücke», einen einladenden Weg, um wieder in Kontakt zu kommen.
Erprobte soziale Techniken, wie wir den inneren Balkon erreichen, Brücken zu anderen bauen oder stiften können, sind zum Beispiel die Methode der Gewaltfreien Kommunikation, Mediation und systemisches Coaching. Die Herausforderung dabei: Es reicht in der Regel nicht, sie abstrakt zu kennen. Um sie in eigenen Kontexten wirklich anwenden zu können, in konkretes Tun zu kommen, machen die praxisorientierten Ausbildungen mit vielen Übungen die Wirkungsweisen erlebbar: Anderes ist möglich.

