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Ausbildungsinstitut perspectiva

Was aufgeheizte Debatten befrieden hilft

«Wenn Krieg die gewaltsame Lösung eines Konflikts ist, dann ist Frieden nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern vielmehr die Fähigkeit, Konflikte ohne Gewalt zu lösen», stellt C. T. Lawrence Butler, amerikanischer Autor und Aktivist, fest. Der gemeinte Unterschied wird sichtbar, wenn sich Auseinandersetzungen über Fragen und Themen direkt zu erbitterten Kontroversen aufheizen, indem unterschiedliche Meinungen allein schon als Zumutung und Bedrohung empfunden werden.

Dabei geht es nicht darum, Differenz an sich zu fürchten. Helfen würde schon, die Dialogfähigkeit zu stärken, anstelle fortwährend in den Modus Kampf zu verfallen. Insofern stellt sich die Frage nach Kommunikations- und Umgangsformen, die Zusammenhänge ergründen, Verständigung unterstützen und ein Denken fördern, das tiefer unter die Oberfläche geht, um dort auf Verbindendes und Verbindliches abzustützen.

Genau hier setzen Ansätze wie Mediation und mediationsanaloge Supervision, Hypnosystemische und Gewaltfreie Kommunikation an. Sie können gesichtswahrend Affekte, Interessen und Bedürfnisse, die unter sozialen Spannungsverhältnissen liegen, erfassen. Nicht selten geht es in lautstarken Auseinandersetzungen eigentlich um innere Konfliktlagen, stehen hinter proklamierten moralischen Normen und Rechthaberei verdrängte Impulse, etwa nach Autonomie, oder innere Ambivalenz. Diese bewusst zu machen, lässt sie gestaltbar werden, so dass innerer und äusserer Frieden möglich werden.

Mediation als Konfliktpräventions- und Lösungs-Methode wie auch die genannten Kommunikationsansätze und supervisorische Tools helfen, Gegensätze auszuhalten und durchzuarbeiten, indem sie den Fokus auf das lenken, was in Debatten hinter Positionen steht. Damit ermöglichen sie Dialog und Lösungsfindung und schaffen es, soziale Orte zu befrieden. Ihre Funktionsweise basiert dabei nicht darauf, Widersprüchliches und Differenzen abzulehnen oder zu missbilligen, sondern vielmehr anzunehmen und durch neue Perspektiven bewusst, integrierbar und bearbeitbar zu machen, kurz: friedlich zu lösen.

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Die Grenzen persönlicher Freiheit

Schon den griechischen Philosophen Platon trieb im 4. Jahrhundert vor Christus die Frage um, wie man den weisesten Herrscher finden könnte. Seine Ausführungen der «Politeia» wurden jedoch ausgerechnet von seinem Schüler Aristoteles grundsätzlich kritisiert: Welches der weiseste Herrscher wäre, sei schlicht die falsche Frage. Vielmehr müsse man die Verfasstheit des Staates betrachten und dasjenige Format wählen, welches dem Allgemeinwohl am meisten diene und einzelne Herrscher im Zweifelsfall wirksam beschränken könne.

Nicht nur in der Weltpolitik, auch in Mediationen in Familien, Nachbarschaft, Firmen, Organisationen, begegnen uns immer öfter Fragen um die Grenzen persönlicher Freiheit. Dort, wo ungehemmtes Agieren und Verhalten, gut gemeintes eingeschlossen, andere subjektiv beeinträchtigt, entstehen Konflikte: in Form grenzüberschreitender Bemerkungen oder Verhaltens, durch Gesagtes oder ungesagt Gebliebenes, Getanes oder Unterlassenes.

«Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“, formulierte Immanuel Kant. Diese Grenzen im Alltag zu bewirtschaften, fällt - erst recht - im akuten Konflikt nicht mehr leicht und es fällt auch grundsätzlich nicht allen leicht, sich zu zügeln. Das gemeinsame Aushandeln neuer organisatorischer Verfasstheit, sprich: Regelungen, Leitbilder, Prinzipien, Konzepte, Reglemente ist dann ein oft anspruchsvoller Weg in Mediationen.

Solche Verfasstheiten oder Institutionen sind soziologisch die organisatorischen Umsetzungen bestimmter Leitideen: Für Aristoteles war das Allgemeinwohl eine Leitidee für die Wahl der Staatsform. Wir unterstehen der Strassenverkehrsordnung, die den Verkehr so regeln soll, dass Unfälle weitgehend vermieden werden, und Hausordnungen, die das nachbarschaftliche Zusammenleben zu maximalem Wohlbefinden aller regeln sollen.

Regeln und Institutionen entlasten uns von spontan zu vertretenden Entschlüssen, sie schränken die persönliche Freiheit (aller!) ein, zugunsten eines guten Miteinanders. Vielleicht wäre es ganz heilsam, wenn wir unseren Fokus auf allen gesellschaftlichen Ebenen weniger auf einzelne Personen, sondern wieder mehr auf die Ausarbeitung, Aktualisierung und Stärkung von Leitideen und guter Regeln für alle richten.

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Hoffnung statt Wunschdenken

«Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen», ist eine der Botschaften, die der jüdische Philosoph Ernst Bloch in seinem Werk «Das Prinzip Hoffnung» während des Zweiten Weltkriegs niederschrieb. Hanna Gekle, Philosophin, Psychoanalytikerin und an der Universität Tübingen letzte Assistentin von Bloch, erinnert in heutiger Zeit daran, dass Bloch damit nicht naives Wunschdenken meinte.

Vielmehr ginge es darum, «was wir wünschen und hoffen, mit dem zusammenzubringen, was möglich ist». Im Gegensatz zum Bestehen auf absoluter Wunscherfüllung, sei Hoffnung «realistisch gezähmt», weniger affektiv als vielmehr «mit dem Denken verschwistert» und getragen von Verantwortung.

Wenn sich Hoffnung auf reale Möglichkeiten beziehen soll, heisst das, sich selbst und die eigenen Spielräume mitzudenken, Mass zu halten, sich tätig oder bewusst verzichtend einzubringen.

Plastisch wurde dieser Unterschied zwischen Wunschdenken und Hoffnung in einem Wortwechsel unseres Jüngsten beim kürzlichen Coiffeur-Besuch: Auf die Frage, was wir denn heute machen, stellt der 6-jährige zunächst eine Liste prominenter Fussballer in den Raum, deren Trendstyles eher wenig seinen haarigen Voraussetzungen entsprechen. In die abwartende Pause des Coiffeurs hinein relativiert er daher selbst: «Ok, wie immer!» Auf meinen belustigten Blick erklärt mir der Coiffeur mit einem Augenzwinkern, dass «Wie immer» durchaus eine «offizielle Männerfrisur» sei: «Bitteschön?» - «Wie immer!»

Die daraus sprechende, begründet positive Erwartungshaltung ist Hoffnung im Bloch'schen Sinne. Diese Art der realistischen Zuversicht zu wecken, ist auch Ziel und Zweck in Coaching und Mediation resp. mediativer Konfliktbearbeitung. Wenn Menschen in herausfordernden und konfliktiven Situationen gesichtswahrend wieder zu sich selbst und ihren Interessen und Bedürfnissen finden, werden auch konkrete Handlungsspielräume wieder sichtbar, entsteht vitale Gestaltungskraft, durchaus mit Platz für weitblickende Zukunftsideen. Davon brauchen wir mehr!

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Vom Zugang zum eigenen Menschsein und Auswegen aus dem Gruppennarzissmus

Dieser Tage ist unter dem Titel «Humanismus in Krisenzeiten» eine höchst lesenswerte Textsammlung des 1980 verstorbenen, promovierten Soziologen und praktizierenden Psychoanalytikers Erich Fromm erschienen. Fromms Werk, zu dem bekannte Bücher wie «Haben oder Sein» (1976) und «Wege aus einer kranken Gesellschaft» (1955) gehören, verbindet auf höchst aktuelle Weise individuelle und gesellschaftliche Phänomene:

Sowohl die «enorme Steigerung seelischer Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen», als auch gesellschaftlicher Rechtspopulismus und (gruppen-)narzisstische Entwicklungen wurzeln für Fromm in einer grundlegenden Entfremdung und Ohnmachtserfahrung des Menschen.

Ursächlich sind für Fromm gesellschaftliche Strukturen und «Filter», die Isolation und Feindseligkeit befördern, u.a. als Folge eines Wirtschaftssystems, «das auf skrupellose Selbstsucht und das Prinzip aufbaut, dass man einen eigenen Vorteil auf Kosten anderer sucht» und in dem «das technisch Mögliche zum moralischen Wert» wird.

Sie befeuern damit nicht nur die Flucht des sich selbst entfremdeten Menschen in materielle und mediale Ersatzbefriedigungen, sondern auch den Verlust eines lebendigen Interesses an der Aussenwelt, bis hin zu kollektiven (Ersatz-)Identitäten, deren Image aufs Höchste übersteigert wird, bei gleichzeitiger Herabsetzung einer «feindlichen» Gruppe und wütender Reaktion auf «jede wirkliche oder eingebildete Beleidigung", Kritik oder Anfechtung.

Weil diese Destruktivität für Fromm trotz allem aber «nicht […] Schicksal, sondern das Ergebnis ungelebten Lebens» ist, ist auch ein Anknüpfen an Humanismus und geistige Entwicklung immer möglich, durch aktive und verantwortliche Teilhabe, schöpferische Leistung, Beziehung zu anderen Menschen, vitale Ich-Erfahrungen.

Wege dazu bieten humanistische Lehren in Philosophie und religiösen Traditionen, wie aber auch jene konstruktiven Formen der Konfliktbearbeitung, die nicht direkt vom Konflikt in die Lösung, sondern den «Umweg» über die Erarbeitung der je subjektiven Interessen und Bedürfnisse gehen, der dann zu eben jener Voraussetzung an (Selbst-)Erkenntnis und innerer Verbindung mit sich und den anderen wird, wie z.B. in Mediation, Gewaltfreier Kommunikation, systemischem Coaching.

Denn mit Fromm ist klar: «Es gibt kein psychologisches Abkürzungsverfahren für die Überwindung der Identitätskrise, sie ist nur durch die fundamentale Umwandlung des entfremdeten in einen lebendigen Menschen zu überwinden».

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Konfliktlösung als notwendige Kulturtechnik

«Es gibt keine Alternative zur Erkenntnis, dass wir – allen Konflikten zum Trotz – in einem Boot sitzen», formulierte der einstige deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker treffend.

Vielleicht sollten wir daher bei den Überlegungen zu wichtigen Bildungs- und Weiterbildungsinhalten ihre konstruktive Beilegung endlich zentral stellen? Wären also Mediation und Konfliktlösung, aber auch Gewaltfreie Kommunikation nicht sinnvolle Kulturtechniken, die gesellschaftlich breit erlernt werden sollten?

Statistisch gesehen war die Entwicklung von Kulturtechniken natürlich bislang eher eine langwierige Sache: So waren Lesen und Schreiben, die sog. Literalität, über Jahrhunderte ein Kompetenz weniger Einzelner, bevor sich die Alphabetisierung in alle Bevölkerungsteile verbreitete. Bis ins späte Mittelalter reichte es eben, dass sich Wenige haupt- und nebenamtlich um den Schriftverkehr kümmerten. Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich u.a. in der Schweizer Bevölkerung die Alphabetisierung rapider und stieg von 30% um 1830 jedes Jahrzehnt um 10%.

Und Mediation? Erste, noch in den USA ausgebildete Mediator*innen, boten ab den 1990er Jahren Ausbildungsgänge in Deutschland und der Schweiz an. Heute umfasst die Federation Suisse Mediation (FSM) als Dachverband der Schweiz gegen 1'500 Einzelmitglieder. Hinzu kommen einige Hundert Anwaltsmediator*innen, die im Schweizerischen Anwaltsverband organisiert sind. Reicht das?

Es ist m.E. wie mit der Alphabetisierung: Heute würde wohl kaum jemand mehr annehmen, dass Literalität als Grundkompetenz für alle überflüssig ist, nur weil es haupt- und nebenamtliche Literat*innen gibt. Es scheint mir bei der Kompetenz, Konflikte nachhaltig konstruktiv zu lösen, angesichts der aktuellen Konfliktlagen ähnlich: Mediation als Beruf von Wenigen ersetzt nicht die notwendige Verbreitung als mediativer Kompetenz für alle. Denn wir sitzen alle in einem Boot.

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